Alexej  Jawlensky - Meditationen


 

Jawlensky - Meditation 1934
Alexej Jawlensky - Meditation 1934

 

Jawlenskys letzte Schaffensperiode wurde durch eine schwere Erkrankung bedingt. Die letzten 12 Jahre seines Lebens litt er unter einer rheumatoiden Arthritis, die mit großen Schmerzen seine Finger und Hände lähmte und ihn immer mehr ans Krankenbett fesselte. Doch sein Geist war nicht krank, und so entwickelte er eine Malweise, die nur mehr mit wenig Material und Einsatz zurechtkommen musste. Mühsam zog er in schmerzfreien Zeiten größere Pinsel über die Malfläche, mit Hilfe der linken Hand, und kam so zu erstaunlich abstrakten Bildern.

Die düsteren Farben entsprechen seinem inneren Zustand, wir können darin beinahe seine körperliche Tagesverfassung spüren. "Meditationen" nennt er die Bilder der letzten Jahre, meist von Sammlern wurden dann dazu oft sinnvolle Titel verfasst. Die Zeichnung, wenn diese überhaupt so genannt werden darf, ist meist auf das innere Gesicht mit Augen, Nase und Mund begrenzt. Rundungen kann er nicht mehr ausführen, seine Bilder mit geraden oder schrägen breiten Pinselstrichen bekommen eine Charakteristik von Kreuzigung und Kreuz. Die immer dunkler werdenden Farben sind auf das Äußerste reduziert, ein kleines Format mit einer gewaltigen expressionistischen Aussagekraft. Man nannte diese Bilder treffend "Ikonen des 20. Jahrhunderts".

„Meditationen“ nennt der Maler seine Bilder, Gesichter mit geschlossenen, nach innen gewandten Augen. Aktiv und in Ruhe gespannt wie bei der Meditation, jedoch melancholischer, geplagter, ja zuweilen gequält. Doch nie pessimistisch oder verzweifelt, eher wie ein Kampf gegen das physische Leiden. Der Geist beseelt den Leib, hart und nahe beieinander erlebt und gemalt. Ein Aufbegehren gegen die lähmende und schmerzliche Krankheit! Mit minimalistischem Aufwand setzt der Maler aber doch Farbe und Form in das Werk, wahrhaftig eine Meditation in sich. Man beachte die Harmonie der drei Grundfarben rot, gelb und blau - etwas verschmutzt und doch dominant gesetzt!

Vom lateinischen "In medium ire" (in die Mitte gehen) her wird das Wort Meditation oft erklärt - was deutet eher und besser diese Bilder, ohne Rand und von allen vier Seiten angeschnitten auf Karton gemalt? Private Ikonen sind auch meist so klein, dass der Fluchtpunkt ganz in unser eigenes Auge passt. Nichts zieht nach außen, alles nach innen - Meditation!

 

 

Alexej Jawlensky - Der Maler von 700 Gesichtern

Bereits im Jahr 1911 begann Jawlensky, Werkreihen von Gesichtern herzustellen (wie vor ihm etwa Claude Monet ab 1890 mit verschiedenen Sujets). Was suchte er in diesem ausdauernden, fast starrköpfigen Bemühen? Seine eigene Aussage lautet:

"Es war mir notwendig, eine Form für das Gesicht zu finden, da ich verstanden hatte, dass die große Kunst nur mit religiösem Gefühl gemalt werden soll. Und das konnte ich nur in das menschliche Antlitz bringen. Ich verstand, dass der Künstler mit seiner Kunst durch Formen und Farben sagen muss, was in ihm Göttliches ist. Kunst ist Sehnsucht nach Gott.“.

 

 

Sphinx - Jawlensky Mystische Köpfe

"Mystische Köpfe" nannte er seine erste Reihe, und es folgten regelmäßig in der weiteren Entwicklung "Christusköpfe", "Konstruktive Köpfe" (Heilandsgesichter!), "Abstrakte Köpfe" - und schließlich die "Meditationen" (bis 1938, denn von da an bis zu seinem Tod 1941 konnte er überhaupt nicht mehr einen Pinsel halten!). 

Nach meiner persönlichen Erfahrung erschließt sich die Dynamik dieses Suchens und Bohrens nicht, wenn man mehrere Exemplare derselben Reihe nebeneinander vergleicht. Es ist besser, wenn man sich ein einzelnes charakteristisches Bild aus einer Phase aussucht (gut möglich über Internet, z.B. Google/Jawlensky/Bilder) und sich von diesem längere Zeit begleiten lässt, durch Meditation und offene, innerliche Annahme. Jedes Bild wird dann zu einem kostbaren Weinberg, wenn tägliche Mühe und Lust darin gräbt und wühlt.


1917 Mystische Köpfe - Sphinx 

 

 

 

Ruhendes Licht - Jawlensky Heilandsgesichter

Welch "Ruhendes Licht" strömt aus von dieser Ikone! "Konstruktive Köpfe" nannte sie der Maler, oder kurz Heilandsgesichter. Noch ist der Halsansatz zu sehen, aber schulterlos, es fehlt bald jeder Bezug zur Wirklichkeit. Noch ist eine angedeutete Drehung zu sehen, die Augen zuweilen auch offen - oder halboffen wie das linke Auge. Immer mehr reine geometrische Formen! Sicherheit in der Zeichnung kontrastiert mit der Spontaneität der Farben, die lasierend als Grund oder klecksig als spontane Akzente aufgetragen sind. Leben und Dynamik, Geist und Harmonie, eben ruhiges Licht von innen - und später immer mehr nach innen. 

Die zwei spitzen Haarsträhnen an der Stirn als Erkennungsmerkmal bedeuten ihm die Dornenkrone. Jawlensky kannte von Russland her die Ikone aller Ikonen, Jesus Christus Allherrscher. Der Schmiss auf der Stirne (Rest einer Haarlocke) wird oft als Narbe seines Leidens gedeutet. Jesus Christus ist das Bild des unsichtbaren Gottes, das wahre Angesicht Gottes und zugleich das wahre Antlitz des Menschen.

            1921 Heilandsgesicht - Ruhendes Licht
 

     
 

Meditation Jawlensky

Die letzte Werkreihe "Meditationen" sind von der zunehmenden Lähmung der Finger und Hände verursacht. Durch die Not fand der große Künstler aber zu einem neuen Höhepunkt seines Schaffens.

Die Bilder werden immer einfacher und kleiner, die Farben zunehmend dunkler und die Linien gerade. Anfangs kann er noch mit mittlerem Pinsel Rundungen malen, doch bald gleichen seine Bilder wirklich dem Kreuz Christi, als der Himmel sich verfinsterte und die Nacht des Todes hereinbrach.

Das Antlitz Christi - und schließlich nur mehr das Kreuz hatte für ihn Bedeutung. Weggefallen war alles Interesse für die sichtbaren Dinge und für die Gestalt des Menschen. Von jeder äußeren Erscheinung weg in das Innerste des Wesens geht sein Blick. Auf einem seiner letzten Bilder steht der Satz: "Was denke ich? Was fühle ich? Ich schaue in mich. Wie möchte ich doch etwas Göttliches sagen!"


1934 Meditation - letzte Bilderreihe     

 

     

 

Jawlensky Große Meditation Dickicht

 

Jawlensky 1927
Große Meditation
"Im Dickicht"

 

Seine letzten Bilder erinnern an das orthodoxe Kreuz seiner russischen Heimat, mit den drei Querbalken. Der unterste entstand aus einer imaginären perspektivisch dargestellten Kniebank - Hinweis auf die ewige Anbetung der Göttlichen Geheimnisse. 

Darin mündete  auch 1941 nach Jahren des Kreuztragens das Leben dieses lebensfrohen Künstlers.

 

 

 

 

 


Beide Beine im Leben,
den Kopf voll Kunst


Alexej von Jawlensky war das, was man gemeinhin eine Type nennt - Vollblutkünstler und Schwerenöter. Als er 1880 mit 15 Jahren auf der Weltausstellung zum ersten Mal Ölgemälde sah, wusste er, was er in seinem Leben machen wollte. Wie ein Besessener ging er danach täglich in die Moskauer Tretjakow-Galerie, schulte sein Auge an den Kunstwerken und begann, sich autodidaktisch die Grundlagen beizubringen. Als Offizier durfte er in Moskau nicht an die Kunstakademie - also ließ er sich nach St. Petersburg versetzen. Hier konnte er neben seiner Militärkarriere endlich Kunst studieren.

 
Zwischen Marianne und Helene
 

Mit Mitte 20 lernte er Marianne von Werefkin kennen, die die Kunstszene als "russischer Rembrandt" feierte. Sie wies Jawlensky in die Ölmalerei ein, die beiden freundeten sich an, wurden ein Paar. Sie förderte und liebte den Freund, obwohl er sich schon nach kurzer Zeit mit Werefkins blutjungem Dienstmädchen Helene einließ, die 1902 den gemeinsamen Sohn Andreas zur Welt brachte. Jawlensky war ein berüchtigter Schürzenjäger, seine Beziehung zu Werefkin dauerte mit allen Höhen, Tiefen und sexuellen Intermezzi 27 Jahre. Schließlich heiratete er aber Helene, und zwar 1922 - da war der Sohn schon 20.

 
Zwischen Murnau und München


Jawlensky war den Freuden des Lebens nicht abgeneigt, aber so sehr er gutes Essen und schöne Frauen liebte, die Kunst war ihm immer das Wichtigste im Leben. 1897, ein Jahr nachdem er und Werefkin nach München umgezogen waren, lernte Jawlensky an der Azbè-Kunstschule Wassily Kandinsky kennen. Sie freundeten sich an und begannen 1908 in Gabriele Münters Haus in Murnau eine intensive Zusammenarbeit, die erst zur "Neuen Künstlervereinigung München" führte und später im "Blauen Reiter" gipfelte. Anfangs nahmen sich Münter und Kandinsky an Jawlenskys Malstil ein Vorbild. Dessen oberstes Gebot hieß "Synthese" - indem er die Natur weniger abbilden als vielmehr künstlerisch deuten wollte, gelangen ihm glühende Landschaften, für die er in und um das oberbayerische Murnau zahlreiche Motive fand.

 
Zwischen Theorie und Praxis


Jawlensky blieb sein Leben lang bei diesem Konzept der "Synthese". Jegliches Theoretisieren war ihm im Grunde fremd, daher verwirrte es ihn oft, wenn er Kandinsky und Paul Klee bei ihren intellektuellen Kunstdisputen zuhörte. Münter schrieb einmal: "Wie viele große Maler der Pariser Schule war er kein Theoretiker, sondern ganz Handwerker und Künstler."

 
1911 begann Jawlensky Gesichter zu malen. 


Seinen "Köpfen" blieb er thematisch treu, die Porträts wurden nur immer abstrakter, bis ihn schließlich seine schwere Arthritis daran hinderte, Rundungen zu malen. Jawlenskys späte Gesichter sind sehr vereinfacht und am Kinn angeschnitten. Die Arthritis verschlimmerte sich 1938 schließlich zu einer vollständigen Lähmung. Bis zu seinem Tod 1941 konnte Jawlensky nicht mehr malen und lag im Bett. Einer seiner vielen Malermentoren, Willibrord Verkade, beschrieb ihn später als taktvoll-bescheidenen Menschen, der "das Natürlich-Naive der russischen Seele unverfälscht bewahrt hatte."

 

Zitiert nach:
Bayerischer Rundfunk
BR.de/Themen/Kultur/
100 Jahre "Blauer Reiter"/
Alexej von Jawlensky

 

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